Wo kann man gleichzeitig innerhalb von zwei Wochen neue Freunde finden, alte Freunde treffen, Deutsch erlernen, sich mit Muttersprachlern unterhalten, die Gesundheit verbessern, wunderbares Sommerwetter, helle Sonne und schöne Natur genießen, Talente entdecken, viel Neues und Interessantes erfahren? Was denken Sie?
Richtig! Im internationalen Jugendsprachlager, das von der Tomsker Abteilung der überregionalen Stiftung „Bildung“ organisiert wird. Bereits das zweite Jahr findet dieses Lager in der Siedlung Koshewnikowo der Region Tomsk in Zusammenarbeit mit dem Russisch-Deutschen Zentrum der Polytechnischen Universität Tomsk, der Tomsker regionalen gesellschaftlichen Organisation „Russisch-Deutsche Jugendvereinigung „Jugendblick““ und der gesellschaftlichen Organisation „Deutsches Kulturzentrum der Siedlung Koshewnikowo“, unter Unterstützung der „Entwicklungsgesellschaft Nowosibirsk“ AG und der Administration des Rayons Koshewnikowskij der Region Tomsk statt.
Die Vorbereitung für diese bedeutende Veranstaltung begann lange vor Beginn des Lagers. In diesem Jahr beschlossen die Organisatoren, das Thema „Interneträume und Jugendliche“ zum Schwerpunkt zu machen. Internet ist das, was heute jeder Schüler, Student und Erwachsene nutzt. Das moderne Leben von Jugendlichen ist ohne dieses Medium einfach nicht denkbar. Deshalb hieß unser Lager INTER.NET
Alle 50 Teilnehmer teilten sich in drei Gruppen und verwandelten sich für zwei Wochen in Entwickler von Web-Seiten. Der Arbeitsprozess verlief unter aufmerksamer Betreuung der Gruppenleiter, die wissenschaftliche Leiter genannt wurden. Es sei bemerkt, dass die Teilnehmer praktisch keine Freizeit hatten. Am Vormittag musste man den Deutschunterricht besuchen, der für alle Web-Seitenentwickler obligatorisch war, seine Kenntnisse in diesem Bereich vervollkommnen und am Nachmittag am kreativen Prozess teilnehmen. Am Abend wurden die Ergebnisse der Arbeit präsentiert.
Große Aufmerksamkeit galt dem Deutschunterricht. Die erfahrenen Lehrer bereiteten Unterrichtsstunden zu bestimmten Themen in unkonventioneller Form vor. Zahlreiche einmalige, interessante, sorgfältig gesammelte und geprüfte Materialien wurden dabei ausgewertet. Die Lagerteilnehmer konnten im Deutschunterricht singen, spielen, sich unterhalten, Filme ansehen, Besonderheiten der deutschen Jugendsprache kennenlernen und noch viele ungewöhnliche Sachen unternehmen. Dabei behielten sie viele deutsche Wörter, Ausdrücke und Fakte in Erinnerung. Beim Deutschunterricht und der -beherrschung halfen zwei Sprachassistenten aus Deutschland. Stefan Neubert kommt übrigens schon zum zweiten Mal als Sprachassistent in unser Lager.
In unserem Lager verlief die Kommunikation in schriftlicher Form, wie auch im Internetraum, per individuelle Post sowie auf zugänglichen Forumsseiten. Neben den modernen Medien nutzten die Lagerteilnehmer ein nicht weniger modernes Finanzsystem. Extra dafür entwickelte „Blago“ („Gut/Wohl“) wurden den Teilnehmern für ihre Erfolge im Deutschunterricht, für Arbeitsaktivität, Kreativität, Siege und andere lobenswerte Arbeit ausgegeben. Wegen Verspätung und Disziplinbruch wurde man jedoch mit einer Strafe belegt. Es sei betont, dass die jungen Leute weitaus mehr für gute Taten bekamen, als sie für Verschulden abgeben mussten. Die erhaltenen „Blago“ konnte man in den Auktionen, die einmal aller zwei bis drei Tage stattfanden, ausgeben. Unter den Hammer kamen Süßigkeiten, Überraschungen von Gruppenleitern, Auktionsposten, die von Entwicklern selbst vorgeschlagen wurden. Großes Interesse rief immer die so genannte „Pandoras Box“ hervor. Meistens versteckten die Auktionsorganisatoren darin eine bestimmte Summe an „Blago“. Die Summe konnte man aber nur dann erfahren, wenn man dieses bezahlt hatte und das Kästchen vor allen Auktionsteilnehmern geöffnet wurde. Man konnte eigene Talente zeigen und zusätzliche „Blago“ für seine Fertigkeiten verdienen, wenn man sein Geschäft registriert hatte. Die Agentur „Männliche Hände“, SPA-Salon, Foto-Salon, Morgenkaffeetasse ans Bett waren stark gefragt.
Jeder Tag war einzigartig. Ein wirklich unvergessliches Ereignis war der Einfall von Piraten, die den Hauptserver entführten. Um ihn zu befreien, mussten die Mannschaften unterschiedliche Aufgaben lösen. Viele behielten das Subkulturfestival in Erinnerung. Hier vertraten die jungen Leute unterschiedliche Jugendströmungen: Hippies, Gothics, Glamour, Rapper. Neben der Präsentation von extravaganten Kostümen und Make-up erzählten die Lagerteilnehmer mit Sachkenntnis über die Besonderheiten der von ihnen gewählten Strömung. Einer der Tage wurde der Fotokunst gewidmet. Alle Entwickler teilten sich in Gruppen und schufen Fotogeschichten zu einem von ihnen gewählten Thema. Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen der Organisatoren. Die kreativen Fotopräsentationen wurden am nächsten Tag allen Lagerteilnehmern vorgeführt. Außerdem begrüßten wir sehr oft Gäste, die das Niveau unserer professionellen Ausbildung erhöhten. Sie veranstalteten Trainings zu Themen der Teambildung, Redekunst und anderen.
Damit die erworbenen Kenntnisse der deutschen Sprache sofort auch praktische Anwendung fanden, wurden von den Organisatoren Veranstaltungen, an denen Jugendliche aus Deutschland teilnahmen, geplant. Die erste dieser Veranstaltungen war das Treffen und die Zusammenarbeit der Teilnehmer des Lagers und des internationalen Jugendaustausches „Jugendblick“ (Tomsk) – „Juwentus“ (Leipzig). In Koshewnikowo beschäftigte sich die Gruppe aus Leipzig mit der Aufnahme eines Videos, das den Stereotypen bei deutschen Jugendlichen bezüglich Sibirien und Sibirier gewidmet war. Der sieben Minuten dauernde Film wurde den Lagerteilnehmern, die sich diesen mit großem Vergnügen ansahen, vorgeführt. Nach der Filmvorführung fand eine aktive Diskussion über die Geschichte der Stereotypen statt sowie darüber, was man unternehmen muss, damit unsere Völker mehr übereinander erfahren können.
Die zweite Gruppe deutscher Muttersprachler kam in der zweiten Saisonhälfte im Lager an. Dies waren Stipendiaten/innen des DAAD-Programms (DAAD - Deutscher Akademischer Austauschdienst), dessen Organisator das Russisch-Deutsche Zentrum der Polytechnischen Universität Tomsk ist. Das Erlernen der russischen Sprache und der Einblick in die Kultur Russlands sind Schwerpunkte dieses Programms. Bekanntschaften von russischen und deutschen Jugendlichen sowie verschiedene gemeinsame Veranstaltungen machten die interkulturelle Kommunikation interessant und erfolgreich. Die DAAD-Stipendiaten/innen bewunderten die sibirische Gasfreundschaft, die die Sprachlagerteilnehmer/innen demonstrierten. Sie begrüßten die deutschen Gäste mit Brot und Salz, mit dem traditionellen russischen Spiel „Bächlein“ sowie mit Liedern und Tänzen. Nach der freundlichen Begrüßung nahmen die deutschen Studenten/innen am Russischunterricht teil. In der Freizeit beteiligten sie sich aktiv an den Abendveranstaltungen des Sprachlagers. Die lebendige Kommunikation mit russischen Studenten/innen ermöglichte den DAAD-Stipendiaten/innen, ihr Russisch zu üben und mehr Infos über Russland und Sibirien zu sammeln.
Der ethnische Bestandteil des Sprachlagers war von großer Bedeutung, da ein Viertel der Sprachlagerteilnehmer/innen Russlanddeutsche waren. Das Programm des Sprachlagers umfasste Geschichte, Kultur und Traditionen der Russlanddeutschen. Das erste Treffen der Sprachlagerteilnehmer/innen fand bereits am 25. Juli in Tomsk im Stadtgarten statt. Dort nahmen junge Leute an einer dem Erlass eines Manifestes von Kaiserin Ekaterina II. gewidmeten Aktion teil. Die Organisatoren dieser Veranstaltung waren die Teilnehmer/innen des Jugendverbands der Russlanddeutschen „Jugendblick“. Während der Aktion konnte man deutsche Volkstänze lernen sowie Lieder hören und an einem Wissenswettbewerb bezüglich der Geschichte der Russlanddeutschen teilnehmen. Nach dem beeindruckenden Kostümfest traten die jungen Leute den Weg in die Siedlung Koshewnikowo an, in welcher das Sprachlager stattfinden sollte.
Es ist zu betonen, dass die Siedlung Koshewnikowo für die Sprachlagerdurchführung nicht von ungefähr ausgewählt wurde. Eben hier wohnen viele Russlanddeutsche. Einige von ihnen haben die Lagerteilnehmer/innen und DAAD-Stipendiaten/innen besucht. Der im Rahmen des Seminars „Wir und unsere Wurzeln“ mit Vertretern der örtlichen Machtorganen veranstaltete Rundtisch ermöglichte den jungen Russlanddeutschen, mehr über ihre Vorfahren zu erfahren und über die Entwicklungsperspektive des deutschen Volks zu sprechen.
Die Sprachlagerteilnehmer/innen äußerten ihre Eindrücke.
Stefan Neubert, Sprachassistent des internationalen linguistischen Lagers:
„Als Sprachassistent nehme ich bereits zum zweiten Mal am Sprachlager der Siedlung Koshewnikowo teil. Dank den vorjährigen wunderbaren Erfahrungen und Emotionen sowie geknüpften Kontakten habe ich beschlossen, hier wieder tätig zu sein. Das Sprachlager hat mir gut gefallen, vor allem die Intensität des Lagerlebens: erfolgreicher Deutschunterricht, kreative Arbeit in zahlreichen Zirkeln, Seminare zu verschiedenen Themen, gemeinsame Bekanntschaftsspiele und interkulturelle Kommunikationsspiele sowie Diskos, Sportwettspiele, Ausflüge usw. Ich war besonders froh, meine Freunde, die ich im vorigen Jahr im Lager kennengelernt hat, wieder zu sehen“
Andere Sprachlagerteilnehmer/innen:
„Hier hat es mir gut gefallen. Die Zeit war perfekt geplant, die Leute waren ganz nett und lustig. Es freute mich, bei solch einer Veranstaltung mitzumachen, weil alles hier bis in die kleinste Einzelheit durchdacht war. Die deutsche Sprache war aber von besonderem Interesse. Gegenwärtig ist Deutsch mein Lieblingsfach.“
„Es war lustig, als wir beispielweise in der Nacht die Tastaturteile nach Karte suchten oder als Katja, Tonja, Tanja, Ira und Ola sich als Piraten verkleideten und wir ihre verschieden Aufgaben erfüllen mussten“.
„Zwei Wochen im Sprachlager vergingen wie im Fluge. Es hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe viele Freunde nicht nur aus dem fernen Deutschland, sondern auch aus meiner Heimatregion gefunden. Die Kommunikation mit deutschen Studenten/innen hat mir viel Spaß bereitet. Jeder Tag war etwas Besonderes. Ich habe meine Deutschkenntnisse vertieft und neue Begabungen in mir selbst entdeckt“.
„Dieses Lager hat alle meine Wünsche erfüllt. Zum einen bildete es einen großen Kommunikationsbereich, zum anderen gab es gute Möglichkeiten zum Erlernen der deutschen Sprache. Und noch ein Vorteil – ich habe neue Talente in mir herausgefunden. Vielen lieben Dank an alle!“
Alle neu entdeckten und schon vorhandenen Begabungen konnten die Sprachlagerteilnehmer/innen während des Abschiedskonzerts demonstrieren, welches im Kulturhaus der Siedlung Koshewnikowo stattfand. Auf der großen Bühne sangen russische und deutsche Jugendliche Lieder auf Russisch und Deutsch, tanzten Volkstänze, trugen eigene Gedichte vor, spielten Theaterstücke und stellten Fotopräsentationen vor. Nach dem Konzert sammelten sich alle beim traditionellen Abschiedsfeuer und verabschiedeten sich Lieder zur Gitarre singend vom Lager.
Es ist schade, Abschied von den Sprachlagerteilnehmern/innen zu nehmen, die uns in so kurzer Zeit nahe und vertraut geworden sind. Aber der Gedanke daran, dass wir uns im kommenden Jahr wiedersehen und zwei tolle Wochen im Sprachlager verbringen, gibt keinen Anlass zur Traurigkeit. Wir möchten allen Organisatoren des Sprachlagers sowie allen Personen, die uns dabei Hilfe geleistet haben, unsere große Dankbarkeit aussprechen. Wir möchten ebenfalls alle Interessenten zur Teilnahme am internationalen Jugendsprachlager 2010 einladen.