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27 April 2006 г.
    Offene Worte in Tomsk.

Die Kumpanei ist vorbei, die Zusammenarbeit geht weiter. Bei ihrem Treffen in Tomsk offenbarten sich etliche Differenzen zwischen Kanzlerin Merkel und Russlands Präsident Putin. Aber beide Länder sind aufeinander angewiesen - gerade auch beim Reizthema Energie.

Moskau - Am Mittwochabend horchten die Journalisten in Tomsk auf. Ihre Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin seien "offen und intensiv" gewesen, bemerkte die Kanzlerin. Angela Merkels Worte, diplomatisch verbrämt, ließen nur eine Schlussfolgerung zu: Es wurden nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht, es fiel auch Kritik. Denn auch Putin, der neben Merkel stand, unterstrich, die "ersten Gespräche" seien "ungewöhnlich intensiv" gewesen.

Politische Differenzen hatten sich schon vor der zweitägigen Reise der Kanzlerin nach Sibirien aufgetan. Die Liste ist nicht gerade kurz: Moskau unterstützt, wenn auch ohne Begeisterung, den weißrussischen Alleinherrscher Alexander Lukaschenko, Merkel zeigte sich kürzlich in Berlin mit dem dortigen Oppositionsführer Alexander Milinkewitsch. Russland erkennt die neue Hamas-Regierung als legitime, weil gewählte Führung der Palästinenser an, Merkel fühlt sich zuallererst der Sicherheit Israels verpflichtet. Berlin will den Druck auf Teheran wegen des Atomprogramms verschärfen, Russland will seinen Reaktor im iranischen Buschehr ungestört fertig bauen. In Deutschland werden Sorgen über eine starke Energieabhängigkeit von Russland laut, Moskau möchte gerne privilegierter Gasversorger der Europäer und der Deutschen sein.

Der Stil des früheren Kanzlers Gerhard Schröder, der gegenüber Putin schulterklopfend die Grenze zwischen Freundschaft und Kameraderie überschritt und Persilscheine für "störungsfreie" Wahlen in Tschetschenien ausstellte, sind vorbei. Von den unbedachten Schröder-"Bonmots" wie dem Wort vom "lupenreinen Demokraten" Putin hatte Russland ohnehin nicht wirklich Nutzen.

Das deutsch-russische Verhältnis ist unter Merkel ein wenig kühler und sachlicher, aber damit nicht weniger verlässlich geworden. Die Realität setzt eigene Maßstäbe. Ein jährlicher Warenaustausch von 32 Milliarden Euro dämpft alle Neigungen, den russischen Partnern öffentlich die Leviten zu lesen. Dass der Energiekonzern E.on und ein Konsortium aus BASF und Wintershall einen Anteil von 49 Prozent am Gasförderprojekt Juschno Rosskoje bekommen könnten - noch vor anderthalb Jahrzehnten unvorstellbar - ist für Deutschland maßgeblicher als die Frage, ob man sich öffentlich mit Hamas-Ministern zeigen sollte.

Neue Projekte

Der "gemeinsame Wirtschaftsraum", von dem Putin schon beim ersten Besuch Merkels als Kanzlerin in Moskau sprach, ist das strategische Interesse des Kreml. Russland braucht Absatzmärkte für sein Gas und Öl und Investitionen im Westen. Die Schaffung einer gemeinsamen deutsch-russischen Außenhandelskammer noch in diesem Jahr, von der Putin in Tomsk sprach, soll dieser Strategie dienen. Kopfschüttelnd wird in Moskau vermerkt, dass in Deutschland Diskussionen beginnen, sich in arabisch-islamischen Ländern wie Algerien nach vermeintlich sicheren Alternativen zum russischen Gas umzusehen. Unterschätzt wurde im Kreml freilich die fatale Wirkung des wortgewaltigen "Gas-Krieges", den Moskau zur Jahreswende mit der Ukraine führte. Die damaligen Drohgebärden weckten im Westen den Verdacht, Russland wolle sich nicht nur bei Scheidungsverfahren mit Ex-Sowjetrepubliken grob zeigen, sondern auch gegenüber Deutschland die Gasversorgung als politische Waffe einsetzen.

Kaum hilfreich waren auch Äußerungen von Gasprom-Chef Alexej Miller in den letzten Tagen, wonach die Energieträger auch an China und Kanada verkaufen könnten, wenn die Europäer weniger Gas bestellen wollten. Doch trotz der gelegentlich polternden Auftritte politisch nicht sonderlich begnadeter russischer Energiemanager, haben Russen und Deutsche beim Gas auf absehbare Zeit kaum eine Wahl: Sie sind aufeinander angewiesen. Schon die klimatische Lage der sibirischen Gasfördergebiete ist für die westliche Kundschaft ein Sicherheitsvorteil. Die örtliche Bevölkerung aus Russen und Ureinwohnern neigt traditionell nicht zu Revolten. Dass sich an den Gasströmen korrupte Beamte und Manager reichlich die Hände wärmen, nicht zum Nutzen des Landes, bleibt ein Problem für die russischen Bürger, aber nicht unbedingt für den europäischen Endverbraucher.

Gerade weil der Anteil an Gaunern innerhalb der russischen Wirtschaft weit über dem europäischen Normalmaß liegt, schätzt man im Kreml die Deutschen als solide Partner. Putin-Berater schwärmen schon mal davon, es gelte eine so enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen Deutschland und Russland zu schaffen, wie sie Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Montanunion erreichten. Dahinter steht auch die in Moskau verbreitete Sorge, das deutsch-russische Verhältnis könnte durch wachsende Spannungen zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml in Mitleidenschaft gezogen werden. Wenn US-Präsident George W. Bush sagt, er gäbe "Russland nicht auf" - wie einen Koma-Patienten, dem man zweifelnd Genesung wünscht -, hat sich Kanzlerin Merkel diese Denk- und Redeweise nicht zu eigen gemacht. Daher genießt sie in Moskau einen Ruf als Pragmatikerin. Den wird sie ohne Not nicht aufs Spiel setzen - vor allem im Interesse der deutschen Wirtschaft.

Auch Russland scheint kein Interesse an weiteren Irritationen zu haben. Am Mittwoch versprach Putin die "zuverlässige Lieferung" von Energieträgern nach Deutschland und in andere Länder. Gleichzeitig hätten russische Unternehmen das Interesse, sich an der Weiterverarbeitung von Energie in anderen Ländern beteiligen zu können. Und die Kanzlerin hob hervor, dass Russland seit 40 Jahren verlässlich Öl und Gas nach Deutschland exportiere: "Ich gehe davon aus, dass es weiter so sein wird."



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