Von Horst Kläuser, ARD-Hörfunkstudio Moskau, zurzeit Tomsk
Historikern und Journalisten gefällt es, Ereignisse wie Attentate oder Friedensschlüsse, Konferenzen und Schlachten mit Ortsnamen zu verewigen. Insofern war Tomsk weder Waterloo noch Jalta, kein Sarajewo, aber auch kein Oslo. Der Hintergrund einer properen, intellektuellen Stadt in Sibirien war keine schlechte Kulisse für das erste wirkliche Arbeitstreffen zwischen Merkel und Putin.
Letzterer ließ sich nicht anmerken, dass er natürlich lieber mit seinem alten Freund Schröder das deutsch-russische Verhältnis weiter entwickelt hätte, aber die Abwesenheit des bisweilen recht kumpelhaften Umgangs hat in Wirklichkeit auch niemand vermisst. Das deutsch-russische Verhältnis ist sehr wichtig und es wäre deshalb falsch und oberflächlich, nur die Messlatte von Saunabesuchen oder Schlittenfahrten anzulegen.
Nüchternheit prägt die Szenerie
Insofern tut die unterkühlt-nüchterne Art, die Frau Merkel an den Tag legt, wohl. Statt Emotionen Diskussionen. Statt Umarmung Dialog.
Dass vor dem Besuch verwirrende Äußerungen russischer Wirtschaftsführer und Politiker die Angst vor Lieferengpässen schürten, hat im Wesentlichen nur deutsche Medien und die Opposition in Aufregung versetzt. Richtigerweise erinnerte Merkel an 40 Jahre ununterbrochene und zuverlässige Lieferungen von Gas und - etwas kürzer - auch Erdöl. Der Kalte Krieg und politische Spannungen änderten nichts an pünktlichen Lieferungen der Sowjetunion und den ebenso pflichtbewusste Zahlungen der Rechnungen durch die alte Bundesrepublik.
Immer hat der Westen Russland aufgefordert, sich marktwirtschaftlich zu verhalten. Nun tut man es und weist auch auf andere Kunden hin - wieder nicht richtig! Putin und Merkel gelang es, Aufgeregtheiten auszuräumen. Gut!
Angemessener Umgang
Wie überhaupt die Kanzlerin und der Präsident einen neuen Stil im Umgang gewählt haben, der dem Verhältnis zwei wichtiger Staaten und Wirtschaftspartner durchaus angemessen ist. Die lange, gemeinsame Geschichte, die Triumphe und unbeschreibliche Katastrophen mit Millionen Toten kennt, lud über Jahrzehnte dazu ein, emotional, mit Komplexen und Ängsten miteinander umzugehen. Das war weder vermeidbar noch falsch.
Doch 60 Jahre nach Kriegsende, 15 Jahre nach Zerfall der Sowjetunion ist auch das deutsch-russische Verhältnis erwachsen geworden.
Es brauchte einst einen großen Konrad Adenauer, einen aufrichtigen Willy Brandt, einen energischen Helmut Kohl und vielleicht auch den jovialen Gerhard Schröder. Jetzt ist die Zeit der sachlichen Angela Merkel. Sie hat eine deutsch-deutsche Biographie gelebt und Russen so und so kennen gelernt. Sie führt ein reiches, politisch einflussreiches Land und hat Wirtschaftsinteressen zu wahren.
Merkel wird ernstgenommen
Dass sie dabei Menschenrechtsverletzungen, Demokratiedefizite und die Zivilgesellschaft eben nicht aus den Augen verliert, unterscheidet sie von ihrem Vorgänger. Nicht zuletzt deshalb wird man sie ernst nehmen in Rußland und Deutschland auf lange Zeit als verlässlichen und starken Partner schätzen. Dies ist am Ende vielleicht doch geeignet Tomsk zu einer Wegmarke in unseren Beziehungen werden zu lassen.