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18 April 2007 г.
    Hannover Messe/Sibirische Region: Potenzial von Investoren längst nicht erschlossen.

HANNOVER (Dow Jones)—Das Potenzial der riesigen und teilweise noch unberührten Regionen Sibiriens ist von ausländischen Investoren noch längst nicht für eigene Geschäftstätigkeiten erschlossen worden. Insbesondere deutsche Unternehmer nutzen die vorhandenen Standortvorteile noch zu wenig für den Abschluss lukrativer Projekte, lautete das Fazit des „Wirtschaftstages Sibirien", der zu Wochenbeginn auf der Hannover Messe vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft veranstaltet wurde.

Die Gouverneure der Gebiete Nowosibirsk, Omsk, Tomsk, Chakassien, Krasnojarsk und Altai nutzten die Gelegenheit, den rund 100 Teilnehmern im vollbesetzten Saal des NORD/LB Forums, die Vorzüge ihrer Oblasti (Gebietskörperschaften) zu vorzustellen. Wiktor Tolokonski, Gouverneur des Gebietes Nowosibirsk, will mit einem zu gründenden Technologiepark verstärkt ausländisches Kapital anlocken. Besonders gefordert werden sollen dabei die Bereiche Informationstechnologie (Schwerpunkt Software-Entwicklungen), Biotechnologie, Starkstromanlagen sowie der Gerätebau. Seine derzeit in Hannover weilende Delegation werde mit interessierten deutschen Unternehmen über mögliche Beteiligungen an dem geplanten Industrieprojekt sprechen, fügte Tolokonski hinzu. Die jüngste Maßnahme der politischen Administration in Nowosibirsk sei Teil eines Planes zur strategischen Entwicklung von Hochtechnologien. Neben der Verbesserung der Transportinfrastruktur - hier sei u.a. der Bau eines neuen Flughafens vorgesehen - stehe auch der Aufbau eines Industrielogistikparks auf dem Programm. Hier sollen sich bis zu 50 neue Firmen ansiedeln. Mit großzügigen Steuervergünstigungen will der russische Staat verstärkt ausländische Investoren anlocken. Ziel sei auch hier, die Entwicklung neuer Industriebereiche voranzubringen. Abschließend kündigte Tolokonski an, dass eine niedersächsische Wirtschaftsdelegation im Herbst dieses Jahres nach Nowosibirsk reisen werde. Leonid Poleschaew, Gouverneur des Gebietes Omsk, verwies auf den kontinuierlich wachsenden Außenhandelsumsatz seiner Region. Allein im vergangenen Jahr sei ein Volumen von 5,3 Mrd USD erreicht worden. Das Interesse ausländischer Kapitalanleger wachse ebenfalls stetig und lag 2006 bei insgesamt 470 Mio USD. Haupthandelspartner Deutschland engagierte sich im vergangenen Jahr im Umfang von 11,8 Mio USD. Zurzeit seien 20 deutsch-russische Joint Ventures im Raum Omsk offiziell registriert. Neben einer gut ausgebauten Industrie verfuge Omsk über eine leistungsfähige Landwirtschaft. Wichtigstes Projekt sei hier der geplante Aufbau eines Biokomplexes. Das 2 Mrd USD teure Vorhaben soll künftig den Agrarbetrieben die Möglichkeit geben, die frisch geernteten Rohstoffe noch vor Ort verarbeiten zu können. Das Gebiet zähle gemessen am Volumen seiner Industrieproduktion zu den zehn führenden Standorten Russlands und gehört laut Poleschaew „zu den politisch und wirtschaftlich stabilsten Regionen des Landes. Deutschen Unternehmen bieten sich Geschäftschancen in den Bereichen Bauwirtschaft (Hotel- und Wohnungsbau, WohnungsSanierung), Technologien für die verarbeitende Industrie (insbesondere HoIzwirtschaft, Lebensmittel- und Leichtindustrie), Energiewirtschaft (erneuerbare Energien), Kommunalwirtschaft, Umwelttechnik, dem Dienstleistungs- und Konsumgüterbereich sowie der Bergbautechnik. Wiktor Kress, Gouverneur des Gebietes Tomsk, erinnerte daran, dass Russland gegenwärtig mit Brasilien, Indien und China zu den Wachstum s stärksten Ländern der Welt gehöre. Gute Noten erteilte Kress dem deutsch-russischen Außenhandel. Allerdings beschränke sich das geschäftliche Engagement der Deutschen zumeist auf Großunternehmen. Es fehlten investitionswillige und risikobereite Mittelständler. Das gelte auch für die Region Tomsk. Er teile die Auffassung des Vorsitzenden des O st-Aus Schusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold, dass es nicht nur um den Absatz von Produkten „Made in Germany" gehen dürfe, sondern hiesige Firmen auch direkt vor Ort produzieren und investieren sollten. Gute

Kooperationsmöglichkeiten sieht Kress u.a. in der Petrochemie, im Maschinenbau, in der Landmaschinentechnik und in der Medizintechnik. In allen diesen Bereichen seien bereits deutsche Unternehmen geschäftlich aktiv. Die Region Tomsk ist zu 70% ihres Territoriums mit Wald bedeckt. Daher sei die lokale Forstwirtschaft an modernen Technologien zur Holzverarbeitung stark interessiert. Auch die Fertigung von Holzhäusern könnte ein interessantes Betätigungsfeld insbesondere für deutsche Branchenunternehmen sein, fugte Kress hinzu. Tomsk, die sich auch als Sonderwirtschaftszone etablieren will, plant eine Reihe von Industrieprojekten. Vorgesehen sei u.a. der Bau von Glas- und Zementwerken sowie die Realisierung von Vorhaben im Bereich Petrochemie und Kraftwerksmodernisierung. Langjährige Kooperationen gebe es im wissenschaftlichen und Bildungsbereich. Die Carl Zeiss AG sei einer der Gründer des ersten Instituts für Mikrochirurgie in Russland gewesen, das in Tomsk eröffnet wurde. Das Institut für Petrolchemie arbeite mit Wissenschaftlern in Hannover zusammen. Die polytechnische Universität Tomsk eröffnete eine Vertretung in Karlsruhe. Seit 1997 nimmt die Region Tomsk jährlich an der Industriemesse in Hannover teil. Im Herbst 2007 werden Wirtschaftsdelegationen aus Niedersachsen und Baden-Württemberg die Region Tomsk besuchen. Nach Angaben von Anatoli Kwaschnin, Bevollmächtigter Vertreter des Präsidenten der Russischen Föderation, Nowosibirsk, strebt das an Bodenschätzen reiche Sibirien langfristig einen höheren Veredlungsgrad seiner Rohstoffe an. Damit könnte es „innerhalb Russlands eine Lokomotivenfunktion übernehmen", fügte er hinzu. Voraussetzung dafür sei allerdings eine beschleunigte Entwicklung der Transportinfrastruktur zu Land, zu Wasser und in der Luft. Künftig müsse es möglich sein, beispielsweise vor Ort gefördertes Rohöl und Erdgas gleich selbst zu raffinieren und es über gut ausgebaute Transportkanäle an die Abnehmer zu liefern. Er gehe davon aus, dass diese Aufgabe in „10 bis 20 Jahren gelöst" sei, so Kwaschnin weiter. Das setze aber eine leistungsfähige Petrochemie voraus. Auch hier werde es eine Reihe von Projekten geben, an denen sich interessierte ausländische Branchenunternehmen beteiligen können. Kwaschnin warnte die Teilnehmer des Wirtschaftstages davor, den russischen Markt zu sehr durch die europäische Brille zu betrachten. Die russische Wirtschaft sei zwar ein europäischer Markt, habe aber auch großes Potenzial im Asien-Pazifik-Raum aufzuweisen. Die sibirische Wirtschaft verstehe sich deshalb als „Bindeglied zwischen den Märkten Europas und der Asien-Pazifik-Region". Abschließend informierte Kwaschnin über einen Erlass des russischen Präsidenten zur wirtschaftlichen Entwicklung Ostsibiriens und des Fernen Ostens. Die Dimension dieses gewaltigen Projektes werde deutlich, wenn man bedenke, dass 70% des russischen Territoriums auf diese Region entfallt. Nach Einschätzung von Rudi Lamprecht, Mitglied des Zentralvorstandes der Siemens AG, brauche Sibirien moderne Technologie und umfassende Lösungen. Deutsche Unternehmen können genau das liefern. Die russische Region profitiert jetzt schon von 'technology made in Germany sagte er auf dem Wirtschaftstag Sibirien. So erfolge beispielsweise die Steuerung technologischer Prozesse in der sibirischen Aluminiumindustrie größtenteils mit Siemens-Automatisierungstechnik. Die geograflsche Lage sowie die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland prädestinieren deutsche Unternehmen dafür, in Sibirien das Wachstum zu unterstützen und im gleichen Maße von der Konjunkturentwicklung und dem enormen Potenzial zu profitieren, betonte Lamprecht. Sibirien stehe vor großen Herausforderungen: Die Bevölkerung gehe jährlich um rund 400.000 Menschen zurück. Der Grund dafür seien Abwanderung, stagnierende Lebenserwartung und weniger Geburten. Hinzu komme, dass Sibiriens Wirtschaft sehr rohstofflastig sei. Das Ziel, das nun stark verfolgt werde, sei „Diversifizierung von wirtschaftlichen Aktivitäten". Neben der Industrie habe auch Sibiriens Infrastruktur Lamprecht zufolge "erheblichen Erneuerungsbedarf, beispielsweise bei städtischen Kraftwerken und bei Verkehrsbetrieben". Nach Einschätzung des Siemens-Managers greifen die von der russischen Regierung und den Regionen Sibiriens unternommenen Anstrengungen, das Wachstum anzukurbeln. Es sei mittlerweile ein deutlicher Aufschwung in Gang gekommen, das Wirtschaftswachstum in Sibirien stärker als das gesamtrussische. Sibirien habe ein wirtschaftliches Potenzial wie kaum eine andere aufstrebende Region der Welt. Der Oblast mit seinen 20 Mio Einwohnern umfasse fast ein Drittel der Fläche

Russlands - das seien 5 Mio qkm. Sibiriens geografische Lage mache es zu einem strategischen Partner für westeuropäische Unternehmen, die Wirtschaftsbeziehungen nach Asien aufbauen wollen. Die Millionenmetropole Nowosibirsk sei ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Dort ist die zweitgrößte russische Fluggesellschaft Air Sibir ansässig. Aber auch andere sibirische Städte vefügen laut Lamprecht über ein enormes Potenzial, so beispielsweise die Universitätsstadt Tomsk. Lamprecht bezeichnete Sibirien als Schatztruhe Russlands. "Hier lagern für Westeuropäer kaum vorstellbare Mengen an Bodenschätzen wie Erdöl, Erdgas, Steinkohle und Bunt- und Edelmetalle. 70% der nationalen Erdöl- und Kohlevorkommen entfallen auf dieses Gebiet. Bis zu 90 % des russischen Erdgases stammen aus Westsibirien", erläuterte Larnprecht. Neben dem Rohstoffsektor sind vor allem die Holz Verarbeitung, Luft-/Raumfahrtindustrie sowie die gesamte Hütten- und Metall verarbeitende Industrie Schlüsselbereiche der sibirischen Wirtschaft. Sibirien sei auch bestens mit Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen ausgestattet. Die Zusammenarbeit der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften mit Partnern in Deutschland sei bekannt. Siemens zum Beispiel möchte das Innovationspotential Sibiriens nutzen und arbeite intensiv an den Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Zentren in Nowosibirsk und Tomsk und einer Reihe von Universitäten. Sepp Heckmann, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Messe AG, erinnerte daran, dass der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft im April 2006 in Tomsk anlässlich der Deutsch-Russischen Regierungskonsultationen vereinbart hatte, 2007 zum „Jahr Sibiriens in Deutschland" zu erklären. Die Auftaktveranstaltung bildete der Wirtschaftstag Sibirien auf der Hannover Messe. Insgesamt 70 russische Aussteller sind zur diesjährigen Hannover Messe angereist und belegten 4.000 qm Ausstellungsfläche.

*Von der Hannover Messe berichtete Frank Rösch, Dow Jones News.

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